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Nachruf Dr. Bernt Glatzer**22. Dezember 1942 + 8. Dezember 2009** Wie kaum ein anderer symbolisierte Bernt Glatzer die Afghanistan-Forschung in Deutschland und lebte für dieses Land. Unter nationalen wie internationalen Wissenschaftlern, die zu Afghanistan forschten, war Bernt Glatzer der allseits anerkannte „rish safid“ bzw. „spin gir“ (Weißbart), dessen Wort immer Gehör fand und allseits geschätzt wurde; dies besonders deswegen, weil er stets bescheiden und wohlmeinend auftrat. Kaum einer konnte in einer so respektvollen und liebenswerten Weise Kritik üben, kaum einer konnte einem so gut zuhören wie Bernt Glatzer. Vor allem durch seine umfangreichen ethnologischen Forschungen ist Bernt Glatzer wissenschaftlich bekannt geworden. Zu den herausragenden Beiträgen gehören "Modern Afghanistan: Death of a Nation?", „Paschtunwali als ethnisches Selbstportrait“, „Ethnizität im Afghanistankonflikt“ oder “War and Boundaries in Afghanistan“. Die politischen, religiösen und sozialen Aspekte, die er aufzeigte, waren nicht nur äußerst kenntnisreich, sondern sprachen auch von einem hohen Einfühlungsvermögen in die afghanische Kultur. Bernt Glatzer promovierte 1975 bei Karl Jettmar am Südasien-Institut in Heidelberg. Seine 1977 erschienene Dissertation über die „Nomaden von Gharjistan“ baute auf Feldforschung in den Jahren 1970 und 1971 in Nordwestafghanistan auf. 1975 bis 1977 führte Bernt Glatzer zudem in Westafghanistan ein wissenschaftliches Projekt zu „Ökologie und Weidewirtschaft westpaschtunischer Nomaden“ durch. Bis 1989 arbeitet er am Südasien-Institut in Heidelberg; von 1982 bis 1984 leitete er dessen Zweigstelle in Islamabad. Der 1979 in Afghanistan ausbrechende Krieg nahm Bernt Glatzer für lange Zeit die Möglichkeit, in sein geliebtes Afghanistan zu reisen. Er litt mit den Ereignissen in Afghanistan wie kaum ein anderer. Die enormen kriegsbedingten Verluste, die Zerstörungen an Kulturgütern sowie der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel stellten dennoch zu keinem Zeitpunkt seine enge Verbundenheit mit dem Land in Frage. So engagierte sich Bernt Glatzer in vielen Vereinen und Organisationen, um dafür Sorge zu tragen, dass Afghanistan auch in Deutschland nicht in Vergessenheit geriet. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan kehrte Bernt Glatzer gleich wieder nach Afghanistan zurück. Von 1990 bis 1994 arbeitete er als wissenschaftlicher Berater sowie als Projektmanager der dänischen Hilfsorganisation DACAAR in West- und Südostafghanistan. So setzte sich Bernt Glatzer neben seiner ethnologischen Forschung nun auch mit Ansätzen der Entwicklungszusammenarbeit auseinander. Bis zu seinem Tode nahm er daher immer wieder wichtige Beraterfunktionen für Entwicklungsorganisationen wie die GTZ oder Inwent ein. Mitte der 1990er Jahre – mit der Eskalation des Bürgerkrieges in Afghanistan – zog es Bernt Glatzer dann wieder in die Wissenschaft. Von 1994 bis 2000 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Moderner Orient in Berlin. Hier verwirklichte er ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zur „Dynamik limitischer Strukturen: Soziale und lokale Abgrenzungen im staatlichen und internationalen Spannungsfeld bei Nomaden und Bauern in Afghanistan“. Einhergehend mit dieser erneuten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Afghanistan übernahm Bernt Glatzer den Vorsitz der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Afghanistan (AGA). In seiner Zeit als Vorsitzender (2001-2007) baute er ein Internet-Archiv auf. Sein professioneller Newsletter „News from Afghanistan“ erschien bis zu zweimal wöchentlich; seine fundierten Recherchen waren für die wissenschaftlichen Interessierten an Afghanistan eine zentrale Informationsquelle. Die letzte Station in seinem beruflichen Werdegang war die Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit von INWENT in Bad Honnef. Hier war Bernt Glatzer für den Regionalbereich Asien zuständig. 2006 ging Bernt Glatzer in den Ruhestand, um sich nun ganz der Afghanistan-Forschung zu widmen. Besonders beschäftigte er sich mit der Aufarbeitung der Grabungsstätte von Shah-i Mashhad. Umfangreiche Untersuchungen führten Bernt Glatzer bereits Anfang der Siebziger Jahre zu den neu entdeckten Ruinen einer Ghoriden-Madrasa (Shah-i Mashhad) aus dem 12. Jahrhundert in Badghis. Er dokumentierte die reiche epigraphische Dekoration als Höhepunkt der ghaznavidischen Kunst und Kultur. Bei einem erneuten Besuch 1993 dokumentierte er erhebliche Schäden an der Shah-i Mashhad. Die Hälfte der Gebäude und Dekorationen gab es nicht mehr. So arbeitete Bernt Glatzer akribisch an einer visuellen Rekonstruktion von Shah-i Mashhad. Zudem schrieb Bernt Glatzer die vergangenen Jahre an einem Buch, das eine tiefgründige Einführung in die Geschichten und Gesellschaft Afghanistans geben sollte. Es soll 2010 erscheinen. Dieses Buch ist nicht nur eine Analyse der Staatswerdung Afghanistans, sondern auch der zerbrechlichen ökonomischen Strukturen, der politischen und gesellschaftlichen Strömungen sowie der Einflussnahme durch ausländische Mächte. Das Buch schließt mit der Frage: Wird Afghanistan den Krieg überleben? Bernt Glatzer blieb es leider nicht vergönnt mitzuerleben, dass wieder Frieden und Ruhe in sein geliebtes Afghanistan einkehrten. Die wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft trauert um einen wertvollen Kollegen und lieben Freund. Der Tod von Bernt Glatzer ist für uns alle ein schrecklicher Verlust. |